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Buch der Woche – 25.07.2011 bis 30.07.2011

Unser Buch für diese Woche stammt aus dem Verbrecher Verlag. Wie immer ist uns die Wahl nicht leicht gefallen, aber wir konnten uns auf „Randgruppenmitglied“ von Frederic Valin einigen.
Ausserdem können wir euch mit diesem Buch der Woche gleich noch eine weitere Neuigkeit präsentieren. Mit „Frau Pö ließt“ gibt es hier ab sofort eine neue Kategorie (Nebenbei, Kategorien finden sich unten in der Fussleiste, wer also in Zukunft alle Kritiken von Frau Pö lesen will, klickt einfach in der Fussleiste auf die entsprechende Kategorie). Im Rahmen dieser Kategorie stellt euch besagte Frau Pö in unregelmäßigen Abständen Bücher vor. Seit gespannt…. Achja, mehr von Frau Pö findet ihr auf ihrem Blog. HIER gehts zum Block.
Doch jetzt wieder zum Buch der Woche:


Über das Buch(Verbrecher Verlag):
Geschichten über Kranke, Psychotiker, Gescheiterte und Ausgeschlossene – es sind Geschichten von kleinen Leuten, Figuren vom Rand der Gesellschaft, die Frédéric Valin interessieren. Mit einem feinen Hang zur Ironie, doch nie ohne Empathie erzählt Valin von den Schicksalen der Randgruppenmitglieder. „Man hat schon das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, aber das will sie nicht, nie. Es wäre auch unprofessionell, klar, aber wenn sie dasitzt, verspüre ich einen Impuls, sie in den Arm zu nehmen und irgendwas zu flüstern. Irgendwas Erlogenes. Dass alles wieder wird und es nicht so schlimm ist und, ja. Doch wenn ich in ihre Nähe komme, denk ich immer, wenn sie ein Beil hätte, würde sie’s mir in den Oberschenkel hacken.“

Frau Pö findet:
Das Buch „Randgruppenmitglied“ von Frédéric Valin übergab man mir mit den Worten: „Aber Achtung, alle die es bisher gelesen haben, fanden es verstörend“. Ein Erzählband mit sechs Geschichten über Menschen, die in irgendeine Weise tot sind – körperlich, geistig, emotional.

Frédéric Valin schaut auf die Schattenseiten des Lebens. In prägnanten Bildern, viel Feingefühl und stilsicher. Dabei zeigt er nie mit den Finger auf seine Protagonisten, weder auf die Verlierer, noch auf die Nebenfiguren. Er begegnet seinen Figuren mit Respekt. Während des Lesens kommt es mir nie in den Sinn, eine Person zu verurteilen. Verachtung hat keinen Platz in Frédéric Valins Geschichten und genau das ist es, was sie so ergreifend macht. Sie berühren, ohne dass sie Mitleid hervorrufen. In Sätzen wie „Wir verkleideten uns als Kurt Cobain, weil wir uns Nine Inch Nails nicht zutrauten. Wir hörten weißen Hip-Hop und trugen Baggypants, weil wir uns vor Snoop Doggy Dog erschreckten.“ erkennt man sich wieder, man ärgert sich mit Porck, der sich beim kauzigen Mädchen in der WG-Küche Chancen ausmalt und sie dann doch an seinen Mitbewohner verliert und man zieht den Hut vor dem Pfleger, der seiner Patientin zum Selbstmord verhalf.

Frédéric Valin schreibt schnörkellos und ehrlich. Manche Pointen entfalten sich zischen den Zeilen, in der Geschichte „Grenzen“ wird dagegen der Verfall des Körpers detailreich und erschreckend realistisch beschrieben. Und trotzdem (oder gerade deswegen) entwickelt sich eine große Empathie für diese Figuren.
Seine Geschichten sind voller Ironie – allerdings zielt sie nicht auf die gescheiterten Protagonisten, sondern auf den Leser. Mit jeder Geschichte ist der Leser sofort dabei, als ob ein Freund gegenübersitzend aus seinem Leben erzählt – bei Kerzenschein und Bier in einer verranzten Lieblingskneipe.

Der große Vorteil beim Schriftstellerdasein sei, sagt Frédéric Valin, dass man den ganzen Tag keine Menschen sehe. Dabei ist es eher so, dass er Menschen mag. Gerade die, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Und ach ja: 128 Seiten, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

Pressestimmen:
Dieser verdammt gute Kurzgeschichtenband versammelt sechs grenzwertige Porträts, zum Beispiel über einen geheimnisvollen Iraner, der als Obdachloser in eine WG gerät und sich in einen persönlichen Diener verwandelt, als helfende Hand geduldet wird – bis sein dunkles Geheimnis ans Tageslicht gerät.
– Jan Drees / WDR 1 Live

Frédéric Valin rückt seinen Figuren auf die Pelle, verliert dabei aber nie sein Feingefühl. Seine Texte sprühen vor Ironie und Beobachtungsdrang. Sie hinterlassen abwechselnd mulmige Gefühle und ein breites Grinsen. „Randgruppenmitglied“ macht nachdenklich und vor allem Lust auf mehr von diesem tollen Autor.
– Radio Fritz