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Buch der Woche – 19.03.2012 bis 24.03.2012

Diese Woche präsentieren wir euch ein Buch aus dem Hause “Wallstein“. “Beim Anblick des Bildes vom Wolf” ist ein Roman von Jörg Albrecht.

Frau Pö hat es für euch gelesen. Wie sie es fand, könnt ihr wie gewohnt weiter unten lesen.

Über das Buch (Wallstein Verlag): Jörg Albrechts Roman misst den Puls unserer unmittelbaren Gegenwart. Und spürt in ihr die Gespenster der Geschichte auf.
Ein Freundeskreis Anfang dreißig, zehn Jahre nach dem Jahrtausendwechsel: Thies, seine Exfreundin Wanda, Jasper und die Zwillinge Jonte und Pelle. Sie leben als free lancer in einer großen Stadt, die von Werbung, Gentrifizierung und der Kreativwirtschaft bestimmt wird. Immer knapp bei Kasse nehmen sie jeden Auftrag an, auch wenn sie kaum daran verdienen – denn: Sichtbarkeit ist alles! Aber neben der Arbeit am eigenen Image geht es auch noch um die große Liebe, die allerdings auch nicht so einfach ist. Überhaupt haben sich die großen Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung eher in Selbstausbeutung und prekäre Existenzen aufgelöst. Thies unternimmt Recherchen zur Kreativbranche, führt Interviews mit denen, die in ihr tätig zu sein glauben, und dreht mit seinen Freunden einen Film über die Geschichte der Stadt und die eigene Vergangenheit. Dunkle Schatten werden sichtbar, Genderverwirrungen, eine Blutspur scheint sich durch alles zu ziehen. Mutiert man am Ende etwa selbst zum Wolf? Ist es ein Spiel? Ein Theaterstück? Oder gar das eigene Leben? Jörg Albrecht fragt nach den Zumutungen der neoliberalen Gesellschaft und vergleicht ihre Ansprüche mit der Wirklichkeit.

Frau Pö findet:

Wer will eigentlich Berliner sein?

Kreativ, ständig beschäftigt, immer auf der Suche nach irgendetwas – und erschöpft. Erschöpft und unglücklich in der Alles-ist-möglich-Welt. Die Figuren in Jörg Albrechts Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf suchen ihr Lebensglück. Und wo sollte man suchen, wenn nicht in der Hauptstadt der Kreativen, in der Stadt, die niemals schläft. Heute. Jetzt. Morgen. Also in Berlin. Dass es ein Berlin-Roman ist, ist ab den ersten Sätzen klar. Auch, wenn eine echte Verortung erst spät im Buch folgt.

Wer sich bei dem Titel auf eine dunkle Geschichte in schattigen Wäldern und nächtlichen Straßen gefreut hat, wird enttäuscht. Albrechts Roman glänzt und glitzert an der Oberfläche, auch bei Nacht und vor allem bei Nacht. Die Erzählung wimmelt von Girls, ob es weibliche oder männliche Girls sind, ist nebensächlich. Geschlechtszuschreibungen funktionieren in diesem Buch nicht. Und manchmal, wenn die Reize der Nacht sie überfluten, werden die Girls zu Werwölfen. „Für jedes Girl ist Brutalität sehr weit weg. So weit weg wie sein Spiegelbild. Vom Girl zum Werwolf und zurück – eine Aussteigerstory.“

Aussteigen würden die Freunde Thies, Wanda, Jasper, Jonte und Pelle gerne, allein, sie können nicht. Sie sind gefangen in ihrer eigenen unwichtigen Wichtigkeit, werden mitgerissen vom Strom der Nacht, vom ständigen Rauschen der Stadt. Die letzte Ausfahrt haben sie schon vor Jahren verpasst. Sie sind Gefangene ihres eigenen Bildes. Dieses Bild, das eigentlich nur kopiert, schon einmal da gewesen ist. So wie alles im Berlin des Romans nur noch eine Referenz ist.

Nichts ist echt, noch nicht einmal der eigenen Körper. „Ein Gebäude aufbauen, wo dein Körper mal war, vor Jahren noch. Ich hab damit angefangen, um da draußen anders da zu sein […] Ich will nicht Maschine genannt werden, nicht Tier und nicht Monster. Nenn mich lieber Gebäude. Vor dem Spiegel in der Garderobe später mit dem Phone ein Foto schießen […], ein Beweisfoto zu erstellen dafür, dass hier ein Mann steht.“ Wenn man sich im Innern schon nicht männlich oder menschlich fühlt, dann muss wenigstens das Äußere alles aussagen. Denn Sichtbarkeit ist alles, das wissen sie. Deshalb haben sie auch wieder zu viele Aufträge angenommen, arbeiten Tag und Nacht und eigentlich auch nicht, obwohl, Party ist auch Arbeit: Netzwerkarbeit.

Und während sie arbeiten, arbeitet etwas ganz anderes im Kreativviertel. Dort, wo alle sichtbar sind, hinterlässt jemand blutige Spuren. Ein Werwolf? Was ist es, was in dieser Stadt arbeitet, Tag und Nacht? Thies und seine Freunde machen sich auf auch auf diese Suche und verlieren sich in ihr, in ihrem Leben, im Text. Albrecht springt von der Ich-Perspektive in die personale Erzählsituation, springt von einer Figur zur nächsten und ist als Ich-Erzähler dann wieder namenloser Teilhaber der Geschichte. Die Grenzen zwischen Mann und Frau, hetero und homo, Mensch und Tier werden aufgelöst in der Suche nach – nach was eigentlich. Vielleicht nach dem wahren Leben, vielleicht nach dem Ausstieg aus der Szene.

Thema des Romans ist die Suche nach Authentizität und die spiegelt sich auch in der Sprache wider. Jörg Albrecht wiederholt, verschachtelt, reiht Satzfetzen aneinander, dass einem schwindelig werden kann. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit schönen Ideen und viel Sprachwitz hinter den Oberflächlichkeiten und wiederholten Thesen über Berlin und seine Bewohner, die man überall hört.

Pressestimmen:
»Einer der mutigsten, verspieltesten und interessantesten deutschen Jungautoren.«
(David Hugendick, Die ZEIT)