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Buch der Woche – 16.01.2012 bis 21.01.2012

Leicht verspätet präsentieren wir euch unser erstes Buch der Woche für dieses Jahr. Es heisst „Dich sah ich“ von Michael Molsner und stammt aus dem Oktober Verlag. Der Herr Moslner hat wie wir bei der Recherche erfahren haben unter anderem zahlreiche Drehbücher für unser aller Lieblingskrimiserie „Tatort“ geschrieben.
Frau Pö hat das ganze auch wieder für euch gelesen. Wie Frau Pö das ganze fand könnt ihr weiter unten lesen.

Über das Buch (oktoberverlag.de):
»Dich sah ich« beginnt in der Gegenwart mit einem Sprengstoff-Attentat und entwickelt daraus den Rückblick auf eine Lebens- und Liebesgeschichte, die ihren Anfang vor 50 Jahren nahm, als er 18 Jahre jung war und sie seine Lehrerin.
Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen ihrer Zeit begleitet der Roman – aus der Ich-Perspektive erzählt – die beiden Liebenden, deren Wege sich trotz Trennungen, anderer Ehepartner und zahlreicher Umzüge immer wieder kreuzen – bis er sich an ihrem Krankenhausbett, in dem sie nach eben jenem Attentat im Koma liegt, wiederfindet und ihrer beider Leben und Geschichte Revue passieren lässt, um letztendlich auch den Hintergrund des Verbrechens aufzudecken.

Michael Molsner, geboren 1939 in Stuttgart, studierte zunächst einige Semester Germanistik und Anglistik in Heidelberg. Nach seiner Arbeit als Gerichtsreporter in München und redaktionellen sowie journalistischen Tätigkeiten in Dortmund, Hamburg und Hannover, arbeitet er seit 1968 als freier Schriftsteller. Vier seiner Kriminalromane landeten auf dem Treppchen des Deutschen Krimi-Preises. Molsner lieferte zahlreiche Drehbücher, u. a. zum »Tatort«.

Frau Pö findet:
Dich sah ich – den Titel für seinen Roman hat Michael Molsner Goethes Willkommen und Abschied entliehen und sich nicht treffender entscheiden können. Denn das, was im Gedicht folgt, ist, was den Journalisten Michael Ratsy am Leben hält: Die unbedingte Liebe, das unbändige Verlangen zu seiner damaligen Lehrerin Charmine. Als Referendarin zwar nur sieben Jahre, dafür aber ein Leben älter als er, verliebte sie sich in ihn und nahm ihn mit in ihre Welt. Während der nachmittäglichen Schäferstunden in ihrer Münchener Wohnung waren sie ganz beieinander, nach dem Abitur trennte man sich – Michael hatte schließlich noch ein Leben aufzuholen – und verlor sich aus den Augen. Ein glücklicher Zufall brachte sie als verheiratete Mutter dreier Kinder und geschiedenen Mann in Hannover wieder zusammen, viel weiter nördlich als zu Schulzeiten und dennoch nicht weniger heftig. Damals in München und Hannover schon war ihre Liebe verboten und auch jetzt ist sie es noch immer, wenn Michael vor ihrem Komabett steht und ihr gemeinsames Leben erzählt, nicht stringent chronologisch, sondern nach Themen geordnet. Es ist eine Lebensbeichte, mit dem kleinen Unterschied, dass Michael nichts bereut. Keinen Augenblick. Jeden Atemzug hat für Charmaine getan, und wird es auch weiterhin tun.

Dass Charmaine wegen eines Anschlags im Koma liegt, erfährt der Leser auf der ersten Seite, was fehlt ist die Erklärung, warum Michael Ratsy vierzig, fünfzig Jahre nach ihrem ersten Treffen noch bei ihr ist. Als geübter Krimiautor versteht es Molsner Fährten zu legen, sie mit einem Satz wieder zu entkräften und immer so viel neue Informationen zu geben, dass der Leser nicht anders kann als weiterzulesen. Nun ist der Roman kein Krimi, der das Attentat aufklären soll, es ist die Beziehung zwischen Michael und Charmaine, in die Licht gebracht werden soll.

Aber es ist nicht nur die Liebesgeschichte, die den Roman so fesselnd macht. Es ist vielmehr die kunstvolle Verbindung der Liebe mit den politischen Verhältnissen zwischen linken (Michael Ratsy) und bürgerlichen (Charmaines Ehe) Positionen der späten 1960er bis heute. Eine unterhaltsame, spannende und zugleich subjektive Geschichtsstunde.

Die unbedingte Nähe der beiden Hauptpersonen überträgt sich durch die Erzählform, aber auch durch die Sprache, ungefiltert auf den Leser. Die Liebe, die Michael für Charmaine empfindet, spiegelt sich in der respektvollen, reflektierenden und zugleich liebesdurchtränkten Sprache, mit der sie anspricht. Zu Sprache verdichtet entfalten sich im Leser Begehren und Ängste, Liebe und Wut. Immer im Sinn hatte der Autor gewiss Goethes Gedicht um tausend Ungeheuer im Leser zu erschaffen …