Artikel

Buch der Woche – 05.09.2011 bis 10.09.2011

Unser Buch der Woche stammt diese Woche vom Hablizel Verlag aus Lohmar. Die Wahl ist auf „Spucke“ von Wolfgang Frömberg gefallen und Frau Pö hat es für euch gelesen, doch dazu unten mehr. Jetzt erstmal der offizielle Teil.

Über das Buch (Hablizel Verlag):
“Soll ein Schriftsteller sich etwa dafür entschuldigen, dass er ein Leben hat?”
Förster hat großen Hunger und eine Menge Durst. Er will wissen, was die Kunst mit seinem Alltag zu tun hat. Verfolgt von Gedanken und Romanfiguren verschiedener Schriftsteller, die er als Journalist interviewt, begibt er sich auf die Spur der eigenen Geschichte. Gemeinsam mit gut informierten Freunden plant er eine widerständige Aktion in der Spucke-Redaktion, um angestautes Wissen in die Tat umzusetzen. Doch die Zombie Nation schläft nicht…
Ein brisanter und raffiniert konstruierter Bildungsroman über einen Kopfarbeiter, dessen Vater noch mit den Händen ans Werk ging.

Frau Pö findet:
Wolfgang Frömberg weiß ganz schön viel. Aber Wolfgang Frömberg weiß nicht, wohin mit seinem Wissen. Es auf seine Texte und Artikel zu verteilen, die er als Musikredakteur schreibt, scheint ihm nicht zu genügen. Einzige Möglichkeit: ein Buch. Spucke heißt das Romandebüt und ist gleichzeitig eine Abrechnung mit seinem alten Arbeitgeber, der Zeitschrift Spex.
Und diese Rahmenbedingungen sagen mehr über das Buch, als Klappentext und Interviews mit dem Autor es könnten.

Diskurspopliteratur ist wahrscheinlich die passendste Bezeichnung für diesen Roman. Er handelt von Förster, Redakteur bei Spucke, Vater von Nele, unglücklich verliebt in Martha. Förster verliert sich in Diskussionen und Gedanken über Gesellschaftskritik, Poptheorie, Literatur und Kunst. Sein Leben dreht sich im Kreis. Eigentlich will er aufbegehren gegen den bevorstehenden Umzug seiner Zeitschrift von Köln nach Wien (Köln Berlin wäre wohl zu realistisch gewesen). Aber mit den Planungen zur Revolution kommen er und seine Freunde nicht voran, sie verlieren sich in Wodka und Worten. Und schon steht er (und der Leser) wieder am Anfang. Er verliert sich in der Zitatehölle zwischen Rainald Goetz, Roland Barthes, Rolf Dieter Brinkmann und Blumfeld. Mehr Platz für Frömberg, sein Wissen in den Köpfen seiner Hauptpersonen zu platzieren. Der Klappentext spricht von einem brisanten und raffinierten Bildungsroman. Brisant ist höchstens das Tempo, in dem Förster sich den Wodka hinter die Binde kippt. Raffiniert ist noch nicht einmal der Versuch des Autors, durch Metaebene und Perspektivwechsel einzuflechten. Schon gar nicht die die eingebauten, formlosen Rückblenden, die mehr verwirren, als dass sie Sinn stiften. Und Bildungsroman. Ja, ein Bildungsroman ist es schon. Aber in dem Sinne, dass der Leser schon im Vorfeld gebildet sein muss, um die Thesen und Antithesen, die Äußerungen und Umstände richtig ordnen und deuten zu können.

Das Buch ist geschrieben für geduldige Leser. Dann und wann kommen intelligente, witzige Formulierungen oder überraschende Gedanken ans Licht. Wer aber eine brisante Geschichte oder sogar Sticheleien gegen die Spex erwartet hat, wird enttäuscht. Vielleicht gibt das der Rahmen aber auch einfach nicht her. Um ein Zitat aus dem Buch zu zitieren: Die großen Leute sagen viele dumme Sachen/Sie halten alle Leute für dumm/Und die Leute sagen nichts und lassen sie machen/Dabei geht die Zeit herum.

Pressestimmen:
»Frömbergs Erzähler legt falsche Fährten, spielt die Protagonisten gegeneinander aus, wechselt rasch die Perspektiven und findet immer wieder eine Metaebene, wo wir keine erwarten. Das macht seinen Roman stark …«
– Jörg Sundermeier /Intro

»Wie Frömberg seine Schnitte setzt, das macht die Sache spannend. Uns fällt kein junger Autor ein, dem es gelänge, so schlüssig und nonchalant von einer Deadline-Szene im vollgerammelten Redaktionsbüro – das ganze Elend des Kulturbetriebs läßt grüßen – zum Porträt des autoritären Vaters zu wechseln. Der ist als Arbeiter einer Traktorenfabrik in Wittenberge aus der DDR geflohen, in den Kölner Ford-Werken zum Werkmeister aufgestiegen, ein Kettenraucher, Streikbrecher und Fußballfanatiker. Toll gemacht! – eben nicht SPEX-cool. Der Autor ist auf gutem Wege, den Kölner Realismus mit neuem Leben zu füllen.«
– Schröder & Kalender / blogs.taz.de

»Förster ist (…) ein Mann des Übergangs und deshalb als Romanfigur so ergiebig. Um ihn herum zieht Frömberg einen konzentrischen Kreis der Romanerzählung nach dem anderen. Neben Begegnungen mit Vater, Mutter und eigener Familie beinhalten die die Treffen mit hochinteressanten Schriftstellern: Jörg Schröder, Barbara Kalender, Bret Easton Ellis, Chuck Palahniuk. Sie alle aber klammern noch einige der aufschlußreichsten, leidenschaftlichsten Unterhaltungen ein, die, mit Verlaub, jemals in einem Roman, der auch von Popmusik handelt, gedruckt wurden. Walter Förster führt sie mit dem Sänger Ali Specht. Specht ist so etwas wie der Lord Byron in diesem Roman. Wie er und Förster um die Liebe, die zur Musik und die zum richtigen Leben, streiten, das war so noch nirgendwo zu lesen. Wunderschön.«
– Kristof Schreuf / junge Welt